[ Die Zukunft des Religionsunterrichts ]
In der Reihe „Ausblicke“ wagen Forschende der Universität Oldenburg einen Blick in die Zukunft. Joachim Willems, Hochschullehrer für Religionspädagogik, sieht den Religionsunterricht in Deutschland am Scheideweg – und entwirft drei Szenarien für dessen Zukunft:„Wir erleben einen fundamentalen Umbruch der Religionslandschaft in Deutschland. Waren im Jahr 1950 noch mehr als 95 Prozent der Menschen Mitglied einer der beiden großen christlichen Kirchen, waren es 2024 noch rund 45 Prozent. Zu dieser Säkularisierung kommt die Pluralisierung, etwa mit dem steigenden Anteil muslimischer Mitmenschen, und eine deutliche Individualisierung. Vor diesem Hintergrund wird es immer schwieriger, den im Grundgesetz verankerten, konfessionell getrennten Religionsunterricht zu organisieren und plausibel zu machen.
In Niedersachsen werden bereits der evangelische und der katholische Religionsunterricht unter dem Arbeitstitel „Christlicher Religionsunterricht“ (CRU) zusammengelegt. Dabei dürfte es kaum bleiben. Schon seit geraumer Zeit entspricht der faktisch erteilte Religionsunterricht oft nicht dem Modell, das Grundgesetz und Schulgesetz vorsehen, und daran wird der CRU nichts ändern. Längerfristig sehe ich vielmehr drei Alternativen. Die erste – und radikalste – lautet, den Religionsunterricht abzuschaffen, da andere, neue Themen als wichtiger erscheinen. Die zweite Variante ist ein Fach Religion, in dem sich alle Schülerinnen und Schüler eher deskriptiv und vergleichend mit den diversen Religionen auseinandersetzen. Sie erhielten so einen an der Religionswissenschaft orientierten Zugang. Als dritte Alternative kann ich mir einen interreligiösen Unterricht vorstellen, der auch normativen Fragen Raum gibt, damit jede und jeder für sich klären kann, welche religiösen Überzeugungen man für angemessen hält. Für einen solchen Unterricht könnten unterschiedliche Religionsgemeinschaften und Theologien mit dem Staat kooperieren, auch wäre die Religionswissenschaft eine wichtige Bezugsdisziplin.
Ergebnis wäre ein Unterricht, in dem man etwas über Religionen lernt, sich aber auch über den Glauben und existenzielle Fragen austauschen kann. Denn ich bin überzeugt, dass das Religiöse ein relevanter Modus der Welterschließung neben anderen Modi wie dem naturwissenschaftlichen oder dem ökonomischen bleibt. Und diese Perspektive sollte die Schule auch künftig bieten.“
Universität Oldenburg / Daniel Schmidt
Quelle: facebook.com